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Jürgen Habermas
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2003 Award Winners
Social Sciences Award Winners
Majestät, Königliche Hoheit,
verehrte Kolleginnen und Kollegen (wenn ich hier das Wort "collega" im buchstäblichen Sinne verwenden darf),
meine Damen und Herren,
Ich danke für die Ehrung, die uns heute im Namen des Prinzen von Asturien, und aus seiner Hand, zuteil wird. Die höchste spanische Auszeichnung ruft in jedem von uns andere Gedanken hervor - bei mir die Erinnerung an eine Episode während einer noch nicht lange zurückliegenden Iranreise.
In Shiraz, der Wallfahrtsstätte des großen Dichters Hafiz, begegnete ich in der Person meiner Fremdenführerin einer jungen Muslimin mit Kopftuch, die, wie sich herausstellte, eine eifrige Leserin war. Welche ausländischen Autoren mochten einer solchen Studentin unter der Herrschaft der Mullahs zugänglich sein? Wen kannte sie aus Übersetzungen? Zu meiner Überraschung galt ihr Interesse einem Spanier, über den sie alles wissen wollte - Miguel de Unamuno. Die merkwürdige Parallele unserer lebensgeschichtlichen Erfahrungen konnte sie nicht ahnen: Unamuno war auch für mich - vor nunmehr 55 Jahren - der erste spanische Autor gewesen. Die Existenzphilosophie bildete damals, nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, den Resonanzboden für Unamuno's "Das Leben Don Quichotes und Sanchos". Inzwischen hat sich das geistige Klima verändert. Aber Unamunos Texte selbst sind nicht vergilbt.
Jener Text beispielsweise, der die Frage behandelt, "Wie man einen Roman macht", ist in der Anlage schon postmodern. Er stammt aus den 20er Jahren, als der nach Frankreich emigrierte Unamuno von Heimweh umgetrieben an der Grenze zur baskischen Heimat ausharrt. In diesem Romanentwurf reflektiert Unamuno auf die Arbeit des Schriftstellers und untersucht den Mechanismus der Erzeugung fiktiver Welten an seiner Wirkung auf den Leser. Die Hauptfigur, der arme Jugo de la Raza, ist von der Lektüre eines Romans so aufgeschreckt, dass er das Buch verbrennt, dann aber, von Neugier gepackt, hinter einem anderen Exemplar her jagt, um sich wiederum vor dem Ende der Geschichte zu fürchten. In dieser Ambivalenz des Lesers soll sich die wahre Natur der Fiktion enthüllen. Einerseits ist der Autor auf die Einbildungskraft des Lesers angewiesen, weil die Literatur nur durch sie zum Leben erweckt wird. Andererseits könnte der Leser die Kluft zwischen Literatur und Leben nur dann schließen, wenn er seine alltägliche Existenz auslöschte. Indem er den Roman verschlingt, müsste er sich selbst vom fiktiven Leben verzehren lassen.
Mit dieser Paradoxie geht Unamuno nun nicht - wie Italo Calvino - spielerisch um, sondern mit dem existentiellen Ernst einer abgründigen, im Escorial zu Stein gewordenen Katholizität. Nur ein einziges Buch, die Bibel, sei der Kluft zwischen Literatur und Leben gewachsen. Der gläubige Leser, der sich deren Botschaft anverwandelt, kann nämlich seine gedankenlose Existenz in der Hoffnung auf ein neues Leben hinter sich lassen. Dieses Modell des "Buchs der Bücher" vergeblich nachahmen zu müssen, beschreibt die Tragik des Schriftstellers.
Nun war Unamuno selbst aber nicht nur Schriftsteller. Man kann fragen, ob das tragische Bewusstsein der schriftstellerischen Existenz auch die leidenschaftlich politische Natur des Philosophen Unamuno trifft, der sich gegen alle Formen der Tyrannei auflehnte und dafür die Verbannung in Kauf nahm. Den Philosophen berührt eher die Kluft zwischen Theorie und Praxis als die zwischen Literatur und Leben. Denken wir an den ganz anderen Fall jenes verkrachten Privatdozenten aus dem fernen Deutschland, der in Spanien eine große politische Wirkung entfaltet hat.
Dieser Karl Christian Friedrich Krause hat in Jena neben Schelling und Hegel Philosophie gelehrt, aber er hat weder in Jena, noch in Berlin oder Göttingen eine Professur bekommen. Er war Humanist und Aufklärer, Pädagoge und Freimaurer aus der Schule von Kant und Fichte und ist seiner Zeit mit überschwänglichen Ideen zu Weltstaat und Menschheitsbund, zu einer globalen Rechtsordnung und zur Umwandlung internationaler Beziehungen in eine Weltinnenpolitik weit vorausgeeilt. In Deutschland hielt man Krause wohl eher für einen spleenigen Eigenbrötler. Allein im Lande Don Quichotes gelangte er posthum zu Anerkennung und Einfluss. Julian Sanz del Río wurde 1860 zum Begründer des spanischen Krausismus, einer für das politische Spanien folgenreichen liberalen Tradition.
Unamuno hat zwar in seiner Person den Schriftsteller mit dem Philosophen vereinigt, aber vielleicht hat er nicht scharf genug zwischen den Fiktionen des einen und den Visionen des anderen unterschieden. Was sich ein Philosoph ausdenkt, muss nicht immer der Traum eines Geistersehers sein und ein Roman bleiben. Eine Vision kann auch Wirklichkeit werden. Am 24. Juli 1817 ermahnte Krause seine Landsleute: "Europa sollst Du als Dein nächst größeres Vaterland und jeden Europäer als Deinen ... Volksgenossen in nächst höherer Stufe betrachten." Gewiss, es hat lange gedauert mit der Einigung Europas, aber seit 1976 sind die Pyrenäen keine Barriere mehr. Spanien ist uns Deutschen so nahe gerückt wie Frankreich und Italien - und wir den Spaniern. Eine Verfassung für das gemeinsame Europa liegt auf dem Tisch. Das Projekt darf nicht in letzter Minute von nationalen Egoismen zu Fall gebracht werden. Auch durch die atlantischen Tiefausläufer eines völkerrechtswidrigen Krieges lässt sich das neue demokratische Spanien nicht wieder vom "alten" Europa trennen. In diesem vitalen Land ist während weniger Jahre eine moderne Gesellschaft entstanden. Die liberalen Institutionen bilden einen Rahmen, in dem sich alle Problemen gealtlos, erst recht ohne terroristische Gewalt lösen lassen. Wir europäischen Nachbarn vertrauen auch in dieser Hinsicht auf den kreativen spanischen Geist.
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